Dägeling (sn) – Wenn im Frühsommer die ersten Mähwerke der Landwirte rollen, beginnt für die „Kitzrettung Dägeling“ die wichtigste Zeit des Jahres. Noch bevor die Sonne aufgeht, stehen die Ehrenamtlichen auf den Feldern, starten ihre Drohnen und suchen nach Jungtieren, die sich aus Schutzinstikt tief ins Gras drücken und für das menschliche Auge unsichtbar werden. „Die Setzzeit fällt genau in die ersten Mahden (Mähungen) und damit in die gefährlichste Phase für Rehkitze“, sagt Jana Winkelsträter vom Verein.
Die Kitzrettung Dägeling e. V. war zuvor als Außenstelle der „Rehkitzrettung Hüttener Berge“ aktiv. Nachdem beide Standorte stark gewachsen waren, enstand im September 2025 der eigene Verein.
Rund 40 Mitglieder zählt er heute, etwa die Hälfte davon ist aktiv im Einsatz. Die Altersstruktur ist breit gefächert: junge Erwachsene, Menschen mittleren Alters, Rentner, manchmal kommen sogar Kinder mit, „wenn die frühe Uhrzeit mitspielt“.
Die Motivation der Mitglieder ist klar: Tierleid verhindern. „Morgens sehr früh auf dem Feld zu stehen, die Natur zu erleben und gleichzeitig zu wissen, dass man aktiv etwas Gutes tut, das ist eine besondere Erfahrung“, sagt Jana Winkelsträter. Für einige kommt die Begeisterung für moderne Technik hinzu: Wärmebilddrohnen sind heute unverzichtbar. Früher seien Wiesen noch in Menschenketten abgesucht worden, „doch das ist bei heutigen Flächengrößen undurchführbar.“
Die Hauptsaison erstreckt sich über Mai und Juni. Viele Einsätze werden erst am Vorabend abgestimmt, so dass die Helfer oft schon gegen vier Uhr morgens auf den Wiesen stehen müssen. „Man braucht keinen speziellen Hintergrund. Entscheidend sind Interesse, Zuverlässigkeit und die Bereitschaft, früh aufzustehen.“
Das sei nicht immer leicht, gibt Jana Winkelsträter zu, „aber spätestens draußen merkt man, warum man das macht.“ Sonnenaufgänge und Nebel über den Feldern entschädigen für die Anstrengung. Und die Anspannung, ob ein Tier gefunden wird, bleibt eine eindrückliche Erfahrung. Wenn ein Kitz gesichert werden kann, sei das „jedes Mal ein bewegender Moment“.
Die Zusammenarbeit mit den Landwirten ist oft eng. Viele melden sich jedes Jahr wieder, sobald die ersten Mahden anstehen. „Das funktioniert nur auf Vertrauensbasis“, betont der Verein. Weitere Landwirte seien willkommen, sofern die Kapazitäten reichen.
Auf konkrete Zahlen zu geretteten Tieren verzichtet die Kitzrettung bewusst. Denn ein Kitz könne mehrfach gesichert werden und tauche dann mehrfach in Statistiken auf. „Es geht nicht um hohe Zahlen, sondern darum, jedes Tierleid zu vermeiden, notfalls auch mehrfach.“
Die Arbeit verändert den Blick auf die Natur, sagt Jana Winkelsträter. „Man fährt nicht mehr einfach an einer Wiese vorbei. Man weiß plötzlich, wie viel Leben sich dort verbirgt.“ Für viele ist die Kitzrettung deshalb mehr als ein Ehrenamt, sie ist eine Verbindung aus Naturerlebnis, Verantwortung und modernem Tierschutz.
Neben der Kitzrettung Dägeling gibt es noch einige Kitzretter mehr im Kreis Steinburg, die sich auch gegnseitig unterstützen, etwa die Rehkitzrettung Wilstermarsch, die Wildrettung Kellinghusen, die Wildtierrettung Föhrden-Barl, die Wildtierhilfe „Kleine Waldwesen“ in Hennstedt, die Rehkitzrettung Bekau und das Team Rehkitzrettung in Looft/Reher.