Zum Seiteninhalt springen
Moin Jobfinder
Seiteninhalt überspringen

„Ich mag Situationen, in denen es chaotisch wird“

Interview mit Lokführer Gordon Doyen

Gut gelaunt im Führerstand: Gordon Doyen liebt seinen Job – selbst dann, wenn etwas nicht nach (Fahr-)Plan läuft. © Peter Lühr

Kreis Steinburg (sis) Wer regelmäßig mit der RB61 oder RB71 unterwegs ist, saß ganz sicher schon einmal bei ihm im Zug: Gordon Doyen ist seit 2014 Lokführer bei der nordbahn und regelmäßig auf den Strecken Hamburg – Elmshorn – Itzehoe und Hamburg – Elmshorn – Wrist im Einsatz.

Wenn sich frühmorgens die Türen seiner Bahn schließen und der Zug langsam anrollt, bedient er nicht einfach nur Schalter im Führerstand – er trägt Verantwortung für hunderte Menschen. Dabei gilt eine Grundregel: Sicherheit vor Pünktlichkeit – auch wenn das die Fahrgäste manchmal ärgert.

Oft blickt man auf das Geschehen aus Fahrgastsicht: Verspätungen, Zugausfälle und technische Störungen. Doch heute wechseln wir bei einer Geschichte die Perspektive – und schauen auf die andere Seite der Frontscheibe. Wie ist es, wenn solche Störungen den eigenen Arbeitstag durcheinanderbringen? Wie fühlt es sich an, wenn man selbst nichts für die Verzögerung kann, aber den Frust der Fahrgäste unmittelbar spürt? 

Doyen kennt diese Situationen – und geht seit über zehn Jahren trotzdem jeden Tag mit Leidenschaft in den Führerstand. Mittlerweile bildet der 56-Jährige bei der nordbahn auch den Nachwuchs aus.

Mit der Holsteiner Allgemeinen sprach Doyen über Verantwortung, Geduld und die kleinen Momente, die diesen Beruf trotz aller Herausforderungen besonders machen.

Herr Doyen, was hat Sie dazu bewegt, Lokführer zu werden?
Die Faszination für die Eisenbahn. Ich war in meinem vorigen Beruf unglücklich und habe mich gefragt: Was hat mich schon immer fasziniert? Die Antwort lag auf der Hand: Mit fünf Jahren habe ich eine Modelleisenbahn bekommen, seitdem liebte ich die Eisenbahn. Heute gibt es für Lokführer Quereinsteigerprogramme mit vollem Gehalt vom ersten Tag an – das war für mich die Chance.

Lokführer gehört zu den Berufen, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Aber was gehört alles zu Ihrem Arbeitsalltag dazu, was die Fahrgäste nicht wissen und auch nicht mitbekommen?
Die Überprüfung sämtlicher sicherheitsrelevanter Systeme gehört natürlich dazu. Und dass der Zug zunächst an den Bahnsteig kommen muss. Das heißt: Ich bin irgendwo ganz weit hinten im Bahnhof Altona, rüste da meinen Zug auf, hol mir dann die Genehmigung und rangiere den Zug an den Bahnsteig. In der Regel ist das pro Zug eine knappe Stunde Vorbereitung inklusive der Rangierarbeit, bevor ich die Türen aufmache und die Leute einsteigen.

Wie lange sind Sie dann mit Ihrem Zug unterwegs?
Es gibt verschiedene Schichten. Am Wochenende fahre ich zum Beispiel dreimal die Strecke von Hamburg über Elmshorn nach Itzehoe und zurück.

Sie fahren besonders häufig die Linien RB61 und RB71 zwischen Hamburg und Itzehoe bzw. Wrist. Gibt es etwas, was diese Strecke besonders anspruchsvoll macht?
Das ist eine schöne Frage. Und das ist tatsächlich so. Vor allen Dingen, wenn man am Anfang seiner Karriere steht.
Meine allererste Fahrt führte am 14. Dezember 2014 – ich werde es nie vergessen – gegen 7 Uhr von Itzehoe nach Hamburg-Hauptbahnhof über Elmshorn. Ich hatte das monatelang gelernt und jetzt musste ich es zum ersten Mal alleine machen. Und dann bin ich im beschaulichen Itzehoe losgefahren, durch flaches Land, mehr Kühe als Menschen, bis Elmshorn. Da war ich noch so entspannt, wie man es am ersten Tag sein kann. Ab Elms-horn teilen wir uns aber die Strecke mit dem internationalen Fernverkehr nach Skandinavien, mit Güterzügen. Das ist eine der höchstbelasteten Strecken der Bundesrepublik. Dann kommt ab Pinneberg noch die S-Bahn parallel dazu – und überall blinkt es, überall leuchtet es. Das hat mich sehr gestresst, auf dem Abschnitt zwischen Pinneberg und Hamburg-Hauptbahnhof zu identifizieren: Was ist jetzt eigentlich mein Signal?

Wir fahren erhebliche Geschwindigkeiten, haben lange Bremswege und müssen das schnell erfassen. Und da geht es auch wieder um das Thema Sicherheit: In der ersten Zeit bin ich tatsächlich langsamer gefahren, weil mir die Routine fehlte, um dieses ganze Geblinke, diese 1 000 Lichter richtig einzusortieren.

Ist es vergleichbar mit der ersten Autofahrt ohne Fahrlehrer?
Richtig, nur dass man hier eben noch 500 Menschen hinten drin hat. Oder mehr. In der Hauptverkehrszeit, wenn wir eine Doppeltraktion fahren, also zwei aneinander gekuppelte Züge, dann können durchaus 1 000 Menschen in meinem Zug sein.

Wie groß ist das Verantwortungsgefühl, wenn Sie im Führerstand sitzen?
Ich bin nicht ständig damit beschäftigt, das wäre übertrieben, aber die Verantwortung ist mir durchaus bewusst. Es gibt umfangreiche Sicherheitssysteme, die viele Unfälle ausschließen, aber nicht alle. Wir haben daher den Grundsatz: Sicherheit vor Pünktlichkeit vor Komfort. Im Zweifelsfall muss die Pünktlichkeit hintenanstehen, wenn Sicherheitsaspekte wichtiger sein können. Ich würde niemals eine Zugfahrt beginnen, ohne die vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen durchzuführen. Natürlich fragen sich die Fahrgäste dann schon mal „Was macht der so lange da vorne? Warum geht es nicht gleich los?"

Was tun Sie, wenn es mal gar nicht weitergeht? Weil Personen im Gleis sind, ein Baum auf den Schienen liegt oder andere unvorhergesehene Dinge geschehen?
Alles, was sicherheitsrelevant ist, hat Priorität. Das heißt: den Zug sofort anhalten. Dann kläre ich mit den Stellwerken den Sachverhalt. Und mein dritter Schritt, und der liegt mir immer sehr am Herzen, ist, das Mikrofon zu benutzen und in sehr einfachen und auch in ehrlichen Worten den Fahrgästen zu erzählen, was hier gerade Phase ist.

Bekommen Sie die Reaktionen der Fahrgäste auf Verspätungen oder Ausfälle mit?
Die bekomme ich tatsächlich mit – und deswegen mag ich durchaus auch die unerfreulichen Situationen, in denen es chaotisch wird. Denn wenn Chaos herrscht, habe ich Gelegenheit, zu den Fahrgästen zu sprechen. Das sorgt für dieses Gemeinschaftsgefühl: Wir sitzen im selben Zug, und der da vorne kümmert sich. Die Fahrt kann noch so schlecht gelaufen sein: Die Leute kommen nach solchen Ansagen manchmal zu mir nach vorne, klopfen ans Fenster und geben mir einen Daumen nach oben. Das ist eine Erfahrung, die beflügelt mich.

Und welches Verhalten von Fahrgästen stört Sie am meisten? Das Aufhalten der Türen wird oft kritisiert ...
Ich kann den Fahrgast, der die Tür aufhält, verstehen. Der möchte dem anderen, der über den Bahnsteig angerannt kommt, helfen.

Man muss sich nur vor Augen führen: Der hält die Tür auf für eine Person. Damit hält er aber die 499 anderen Fahrgäste auf. Und nicht nur die. Wenn ich nicht pünktlich wegkomme, steht einen Signalabstand weiter hinten schon der nächste Zug und dahinter kommt der übernächste und der überübernächste. Das ist ein Domino-Effekt. Wenn ich nicht pünktlich abfahre, fahren alle hinter mir auch nicht. Das ärgert mich natürlich – aber ich würde nie meinen Frust über die Lautsprecher an den Fahrgästen auslassen.

Wenn sie allen Fahrgästen eine Sache sagen könnten, die Ihnen den Arbeitsalltag leichter machen würde, welche wäre das – jetzt ist die Gelegenheit.
Ich würde den Fahrgästen manchmal gerne sagen, dass der Zug kein Adventskalender ist. Man darf alle Türen gleichzeitig öffnen. Der Mensch ist ein Herdentier und viele neigen dazu, durch eine einzige Tür einzusteigen, dadurch gehen manchmal drei bis vier Minuten verloren. Dabei hat der Zug bis zu 12 Türen, je nach Länge. Die alle zu nutzen, würde uns allen ein bisschen helfen.

Was ist Ihr größter Wunsch für die kommenden Jahre in Ihrem Job?
Grundsätzlich wünsche ich mir einfach, dass der Laden läuft. Und ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen für diesen Beruf begeistern können, vor allem auch Frauen, egal wie alt. Wir bilden auch 60-Jährige aus. Ja, du musst dich für zehn Monate Ausbildungszeit wirklich hinsetzen und verdammt viel lernen. Aber mach das – dieser Job ist gut, dieser Job ist toll, der hat einen Sinn und der ist gesellschaftlich unfassbar wichtig.

zu den aktuellen Ausgaben

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass bei der Aktivierung des Magazins eine Verbindung zum Anbieter Yumpu aufgebaut wird und Daten übermittelt werden.

aktuelle Beilagen

Familien-Anzeige Online aufgeben
... hier klicken
Eine Menschenmenge mit erhobenen Händen bei einem Konzert oder einer Musikveranstaltung, beleuchtet von blauem Bühnenlicht und in einer nebligen Atmosphäre, im Hintergrund ist ein Künstler zu sehen.
Veranstaltungen

Beim aktivieren des Elements werden Daten an Facebook übertragen.