Kiel (pm) - Der Ausbildungsmarkt in Schleswig-Holstein steht im Mittelpunkt eines gemeinsamen Pressegesprächs der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein und der Handwerkskammer Flensburg.
In der EDUR-Pumpenfabrik in Kiel ziehen Markus Biercher, Chef der Regionaldirektion Nord, Knud Hansen, Vize-Präsident der IHK Schleswig-Holstein, Björn Geertz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Flensburg, und Thomas Naß, Geschäftsführer der EDUR-Pumpenfabrik, Bilanz und beleuchten die aktuelle Situation aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei geht es um die Entwicklung der Ausbildungsstellen und Bewerberzahlen sowie um die Chancen und Herausforderungen bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen.
Markus Biercher ordnete die Entwicklung aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit ein. Er betonte: „Die wirtschaftliche Eintrübung macht sich auch auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar. Den Agenturen für Arbeit wurden in Schleswig-Holstein 16.900 Ausbildungsstellen gemeldet, 960 oder 5,4 Prozent weniger als im Vorjahr.
Demgegenüber stehen 15.100 Bewerberinnen und Bewerber, ein Plus von 250 oder 1,7 Prozent. Damit bietet der Ausbildungsmarkt jungen Menschen weiterhin gute Chancen. Die Herausforderung besteht darin, sie mit den passenden Betrieben zusammenzubringen. Dafür mein Appell an die Unternehmen: Melden Sie Ihre freien Ausbildungsstellen frühzeitig bei der Agentur für Arbeit! So können wir gezielt geeignete Bewerberinnen und Bewerber vermitteln und Sie bei der Nachwuchsgewinnung begleiten. Gleichzeitig lohnt es sich, bei der Auswahl flexibel zu sein und auch Jugendlichen eine Chance zu geben, deren Potenziale nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Unsere Berufsberatung hilft jungen Menschen, berufliche Perspektiven zu entdecken, die gemeinsamen Arbeitgeberservices stehen Unternehmen bei Fragen rund um die Besetzung ihrer Ausbildungsplätze zur Seite. Gemeinsam können wir mehr Ausbildungsplätze besetzen und einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung in Schleswig-Holstein leisten.“
An Bierchers Ausführungen schloss sich Knud Hansen mit der Perspektive der IHK-Ausbildungsbetriebe an. Er erklärte: „Zum 30. September haben wir bei der IHK Schleswig-Holstein 7.944 neue Ausbildungsverhältnisse eingetragen – 745 oder 8,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Das stellt unsere Ausbildungsbetriebe vor besondere Herausforderungen, denn Fach- und Arbeitskräfte sind ein entscheidender Standortfaktor für Schleswig-Holstein. Wo gut ausgebildete Menschen produktiv arbeiten, entsteht Wertschöpfung und damit die Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand. Neben dem demografischen Wandel und den Herausforderungen am Ausbildungsmarkt macht sich in diesem Jahr insbesondere der fehlende Abiturjahrgang infolge der Umstellung von G8 auf G9 bemerkbar. Rund 5.500 potenzielle Bewerberinnen und Bewerber fehlen dadurch. Das trifft unsere IHK-Ausbildungsberufe besonders stark, da rund ein Drittel unserer Auszubildenden über eine Fach- oder Hochschulreife verfügt. Gleichzeitig ist der Fachkräftebedarf enorm: Bis 2035 werden laut IHK-Fachkräftemonitor rund 189.000 beruflich qualifizierte Beschäftigte in Schleswig-Holstein in den Ruhestand gehen. Unsere Unternehmen wollen ausbilden, können aber häufig nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Deshalb müssen wir mehr junge Menschen für die duale Ausbildung gewinnen. Dafür brauchen wir eine stärkere praxisorientierte Berufsorientierung an den Schulen, mehr Kontakte zwischen Jugendlichen und Unternehmen, wie sie die Initiative Praktikum ermöglicht, und bessere Mobilitätsangebote. Ein landesweites Azubi-Ticket wäre gerade für unser Flächenland ein wichtiger Schritt. Die duale Ausbildung bietet hervorragende Karrierechancen und ist unverzichtbar für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes. Unser gemeinsames Ziel muss sein, junge Menschen und Ausbildungsbetriebe erfolgreich zusammenzubringen.“
Anschließend brachte Björn Geertz die Perspektive des Handwerks ein. Er stellte fest: „Trotz des Fehlens eines kompletten Abiturjahrgangs und sinkender Zahlen bei Schulabgängerinnen und Schulabgängern hat es das Handwerk geschafft, eine große
Zahl junger Menschen für handwerkliche Arbeit zu begeistern. Wir machen uns auch künftig keine Sorgen, da das Handwerk für junge Menschen immer mehr in den Fokus rückt. Wir erleben jeden Tag, dass Ausbildung dort gelingt, wo junge Menschen
Verantwortung übernehmen und praktisch Neues lernen. Unsere Betriebe sind ausbildungsbereit, aber sie brauchen junge Menschen, die sich auf einen Beruf einlassen. Das Handwerk bleibt ein verlässlicher Ausbildungspartner. Es kommt jedoch
zunehmend darauf an, Praxis, Berufsorientierung und Betriebe noch enger zusammenzubringen.“
Wie sich die Situation aus Sicht eines Ausbildungsbetriebes darstellt, erläuterte Thomas Naß von der EDUR-Pumpenfabrik. Naß betonte: „Wir bei EDUR bilden aus – aus Überzeugung! Unser Ausbildungsangebot an alle, die an einer dualen Ausbildung interessiert sind, ist – genauso wie die Bewerberinnen und Bewerber selbst – vielseitig. In erster Linie kommt es uns hierbei auf die Persönlichkeit und die eigene Motivation an. Ganz gleich, ob jemand mit 16 Jahren die Schule verlässt oder mit fast 30 Jahren noch einmal einen neuen Weg einschlagen möchte. Rund ein Fünftel der Belegschaft bei EDUR ist direkt im Ausbildungsprozess mit eingebunden. Dazu gehören Ausbilder, Meister, Paten sowie Kolleginnen und Kollegen, die ihr Fachwissen weitergeben. Hinzu kommen ein nicht unerheblicher finanzieller Invest: In den vergangenen Jahren haben
wir beispielsweise in eine komplett neu eingerichtete Lehrwerkstatt, in digitale Lernmedien und in einen Vollzeitausbilder investiert. Rückläufige Bewerbungseingänge trotz stark erhöhtem Marketingaufwand für die Ausbildung sowie hohe Investitionen in die personelle und technische Ausstattung schrecken uns nicht davon ab, weiterhin über den betrieblichen Bedarf hinaus auszubilden. Diejenigen, die wir langfristig bei EDUR halten können und wollen, müssen wir später nicht auf dem umkämpften Fachkräftemarkt suchen. Um das Ausbildungsangebot weiter ausbauen und die Qualität steigern zu können, kooperieren wir seit ein paar Jahren zunehmend mit befreundeten Industrieunternehmen in der Region. Nicht jeder Betrieb ist in der Lage, ihren Auszubildenden Einblicke in sämtliche Abteilungen zu gewähren, etwa bei weiter auseinander liegenden Unternehmensstandorten. Gleichzeitig ermöglichen wir es unseren Auszubildenden dabei, über den Tellerrand hinaus zu sehen. Ressourcen und fachliche Expertise zu teilen, hat sich für uns somit als echtes Erfolgsmodell erwiesen. Dies schafft eine Win-Win-Situation für Auszubildende und Betriebe gleichermaßen. Wir bekennen uns klar zur dualen Ausbildung und möchten alle Ausbildungsbetriebe dazu aufrufen, gemeinsam das Erfolgsmodell der vergangenen Jahrzehnte zu bewahren. Wenn es uns nicht gelingt, die Anzahl der betrieblichen Ausbildungsstellen konstant zu halten, beeinflussen wir selbst maßgeblich die Verfügbarkeit von Fachkräften in den kommenden Jahren. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass die duale Ausbildung auch in Zukunft eine starke Säule unserer Wirtschaft bleibt!“