Gewaltopfer: vertrauliche Spurensicherung auf Abruf

Opfer von Gewalt, die sich nicht trauen, direkt zur Polizei zu gehen, können trotzdem Befunde dokumentieren und Spuren sichern lassen. Vertraulich und kostenlos.

Seitdem das Projekt der vertraulichen Befund- und Spurensicherung am Jahresanfang gestartet ist, wird das Angebot schon genutzt. Es kann von Frauen, Männern und Minderjährigen genutzt werden. (Foto: Adobe Stock)

Stellten das Projekt zur vertraulichen Spurensicherung vor (v. l.): Christine Kruse, Daniela Fröb, Antonia Fitzek und Nils Ole Wiebe. (Foto: Claaßen)

Itzehoe (tc) – Für Außenstehende ist die Sache klar: Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt sollten sich direkt an die Polizei wenden. Doch für die Betroffenen ist dieser Schritt nicht immer ganz so einfach, wie es sich sagt. Um den Weg niedrigschwelliger zu gestalten, gibt es seit Anfang des Jahres das landesweite Projekt zur vertraulichen Spurensicherung. Es bietet eine Untersuchung, Dokumentation und Beratung für Gewaltopfer – vertraulich, ohne polizeiliche Anzeige und kostenlos.
Für den Kreis Steinburg ist das Klinikum Itzehoe Kooperationspartner der rechtsmedizinischen Institute des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Daniela Fröb und Antonia Fitzek sind die beiden Rechtsmedizinerinnen, die diese vertraulichen Fälle betreuen. Denn anders, als man vielleicht vermutet, beschäftigt man sich in der Rechtsmedizin nicht nur mit toten, sondern auch mit lebenden Menschen. Sie stellten das Projekt zusammen mit Nils Ole Wiebe, Oberarzt der Kinderklinik am Klinikum Itzehoe, und KIK-Koordinatorin Christine Kruse vor.
Zuvor waren die Rechtsmedizinerinnen im Klinikum und hatten die Ärzte der Notaufnahme, Gynäkologie und Kinderklinik für ein spezielles Kit geschult, das sie übergeben hatten. Eine Kamera mit mehreren Speicherkarten (pro Fall eine Karte), Winkelmaß, Checklisten, Utensilien für Abstriche, Umschläge:  Alles dient der Befunddokumentation und der Spurensicherung. Nach Abschluss der Untersuchungen werden die Umschläge an die Rechtsmedizin des UKE übermittelt, wo sie 20 Jahre lang aufbewahrt werden – falls sich das Opfer später doch zu einer Anzeige entschließt, wird auf die dokumentierten Beweise zurückgegriffen.
Spuren und Befunde werden 20 Jahre in der Rechtsmedizin asserviert
Sollte der Befund- und Spurensicherung keine weitere Behandlung folgen, brauchen die Opfer nur ihre Daten anzugeben, damit sie am UKE entsprechend asserviert, gefunden und zugeordnet werden können. Die Krankenkassenkarte ist nur dann notwendig, wenn aufgrund der Verletzungen behandelt werden muss.
„Dies ist eine Möglichkeit für Frauen und Männer, die sich nicht direkt trauen, zur Polizei gehen, aber trotzdem die vergänglichen Beweise zu sichern“, sagte Daniela Fröb.  Und seit das Projekt, das vom Land unterstützt wird, am Jahresanfang gestartet ist, werde es auch schon wahrgenommen. „Es ist aber noch nicht in der breiten Fläche bekannt“, so Antonia Fitzek. Acht Partnerkliniken gibt es in Schleswig-Holstein, doch die Kooperationen sollen noch lokaler auf Praxen niedergelassener Ärzte ausgeweitet werden.
Schon vor dem Projektstart hätten die Ärzte entsprechende Befunde dokumentiert, sagte Nils Ole Wiebe, allerdings nur in Schriftform. „Durch die Kits wird die Dokumentation und Spurensicherung standardisiert“, die Auswertung wird effizienter. „Es hilft, bei der Dokumentation Fehler zu vermeiden, es nimmt gerade bei jungen Kollegen die Scheu und erhöht allgemein die Sensibilität der Ärzte.“
Bei Erwachsenen gelte übrigens die Schweigepflicht, auch wenn Verletzungen ganz offensichtlich aus Gewaltanwendungen herrühren. „Bei Kindern sieht das anders aus, da wird das Jugendamt benachrichtigt. Die lassen wir nicht wieder nach Hause“, so Wiebe.
Schon seit mehreren Jahren besteht im Gesundheitsamt Itzehoe die Möglichkeit zur rechtsmedizinischen Untersuchung in Zusammenarbeit mit dem UKE. Dort ist der Besuch nach Terminvergabe unter 040 741052127 möglich. In der Notaufnahme des Klinikums Itzehoe ist die rechtsmedizinische Untersuchungsstelle rund um die Uhr zu erreichen.

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