11 Prozent der Beschäftigten haben Branche in einem Jahr verlassen

NGG warnt vor Fachkräfte-Notstand in Neumünster

Allein mit den Gästen: So wie diese Servicekraft kommen viele Beschäftigte im Gastgewerbe mit der Arbeit kaum hinterher – weil während der Pandemie ein großer Teil des Personals die Branche verlassen hat. Die Gewerkschaft NGG fordert, Gastronomie und Hotellerie für Fachkräfte attraktiver zu machen. Foto: NGG

Neumünster (pm) - Auf die Corona-Krise folgt die Fachkräfte-Krise: Nach monatelangen Lockdowns können Hotels und Gaststätten in Neumünster unter Auflagen wieder öffnen – finden aber häufig kein Personal mehr, das die Gäste bedient. „Das Gastgewerbe blutet seit Beginn der Pandemie personell aus. Dringend gebrauchte qualifizierte Kräfte sind in andere Branchen abgewandert“, konstatiert Lisa Vordermeier-Weinstein von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Nach Angaben der Arbeitsagentur haben in Neumünster allein zwischen Juni 2019 und Juni 2020 rund 210 Beschäftigte das Gastgewerbe verlassen – das ist jeder neunte Arbeitnehmer (minus 11 Prozent). Angesichts weiterer Lockdowns dürfte sich der Fachkräftemangel seit dem Herbst bis heute nochmals zugespitzt haben, warnt die Gewerkschaft.

 

„Wenn die Branche nicht rasch gegensteuert, könnte der von vielen Menschen lang ersehnte Urlaub oder Restaurantbesuch am Personalmangel scheitern“, so Vordermeier-Weinstein. Die Gewerkschaftssekretärin der NGG-Region Schleswig-Holstein Nord macht für die Situation insbesondere die Einkommenseinbußen durch das Kurzarbeitergeld verantwortlich. Angesichts der niedrigen Löhne im Hotel- und Gaststättengewerbe kämen die Beschäftigten selbst mit 80 Prozent des Kurzarbeitergeldes, das ab dem siebten Bezugsmonat gezahlt werde, nicht über die Runden – und seien dazu gezwungen, sich beruflich umzuorientieren. Eine gelernte Köchin kommt nach NGG-Angaben in Schleswig-Holstein lediglich auf einen Verdienst von 10,69 Euro pro Stunde. Ungelernte Kräfte lägen bei einem Stundenlohn von 9,71 Euro. Selbst der gesetzliche Mindestlohn, der im Januar auf 9,82 Euro steigt, würde die Hotel- und Gastro-Branche im Norden überholen.

 

„Schon vor Corona waren die Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe alles andere als rosig. Die Betriebe haben es versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, so Vordermeier-Weinstein. Nach Beobachtung der Gewerkschafterin sei ein Großteil des Personals in den Lebensmitteleinzelhandel, zu Drogerie-Ketten oder in die Lieferbranche abgewandert. „Die Menschen wieder für die Arbeit in der Küche oder an der Rezeption zu gewinnen, ist eine Mammutaufgabe – und kann nur durch armutsfeste Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gelingen“, ist Vordermeier-Weinstein überzeugt.

 

Die NGG Schleswig-Holstein Nord ruft den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) dazu auf, gemeinsam einen Zukunftsplan für die Region zu entwickeln. Zwar seien viele Betriebe durch die Pandemie hart getroffen. Doch strukturelle Probleme gebe es schon seit langem. So müsse das Gastgewerbe das Mindestlohn-Image überwinden, um für Schulabgänger und Fachleute attraktiv zu sein. Mit Blick auf die Sommersaison habe zugleich der Schutz der Beschäftigten vor Infektionen höchste Priorität. „Wirte und Hoteliers müssen erkennen, dass die Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich das höchste Gut sind – und sie auch so behandeln und bezahlen“, so Vordermeier-Weinstein weiter.